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Dorothee Frank & Ben G. Fodor
Das Licht am Ende des Tunnels hat eine andere Farbe

Dorothee Frank und Ben G. Fodor haben eine Gemeinschaftsarbeit geschaffen, die aus zwei sehr markanten Sujets besteht, nämlich aus einem Satz und einem Bild, die einander mit Bedeutung aufladen. Dorothee Frank zeichnet für den Satz verantwortlich der da lautet: „Das Licht am Ende des Tunnels hat eine andere Farbe“, Ben G. Fodor ist der Autor der damit apostrophierten Fotografie, die eine perspektivische Röhrenform zeigt, an deren Ende gleissendes Licht den Blick zu blenden scheint. Wir alle kennen den Spruch vom Licht am Ende des Tunnels, einen Spruch der besonders im Zuge der Corona Pandemie an Bedeutung und Präsenz gewann. Er wurde und wird besonders gern von Politikern als eine Art Durchhalteparole in diesen dunklen Zeiten benutzt. Doch der Text von Dorothee Frank weicht in einem entscheidenden Punkt von unserem bekannten Sprichwort ab: er besagt nämlich nicht nur, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt, sondern er besagt auch, dass dieses Licht eine andere Farbe hat. Das Licht verfärbt sich also, es verändert seine Farbe, es ist nicht mehr so wie es war, wenn der Tunnel überwunden und durchquert ist. Der Tunnel steht aber als Metapher nicht nur für eine räumliche Situation, sondern auch für einen zeitlichen Abschnitt. Er beschreibt die Zwischenzeit, also das Jetzt im Vergleich zu einer Zeit davor und einer Zeit danach.

Das Bild zeigt einen Tunnel, der sich bei genauerer Betrachtung als eine schachtartige Röhrenform erweist. Es handelt sich um das Foto eines Brunnenschachts, aufgenommen auf einer Italienreise. Es ist bezeichnend für einen Teil von Fodors Arbeiten, dass sie nicht genau erkennen lassen, um welches Motiv es sich handelt, gerade weil der Blick von einer unglaublichen Schärfe oder Nähe ist. Wir werden nahe herangeführt, aber zugleich auch verführt, etwas in die Motive hineinzuprojizieren, was sie aber selbst möglicherweise gar nicht repräsentieren. Fodor macht in seiner Arbeit gerade durch Scharfstellungen auf die Unschärfen und Fallen der Wahrnehmung aufmerksam. Es ist ein politisch sensibler Künstler, ein genauer Beobachter von gesellschaftlichen Widersprüchen, Verdrängungen und Machtinszenierungen.

Ähnliches gilt auch für Dorothee Frank. Wir kennen sie als eine versierte, äußerst kenntnisreiche und kritische Journalistin, als jemanden, die mit ihrer eigenen Sprache die Sprache anderer zu deuten versteht. Das macht sie im Grunde auch in dieser Arbeit, indem sie mit ihrem Satz dem Satz all jener, die nur vom Licht am Ende des Tunnels sprechen, buchstäblich eine andere Färbung gibt - indem sie auf eine Umfärbung des Lichts verweist. Und wie um das zu betonen, sind die Begriffe Licht und Farbe kursiv gesetzt. Das Licht in der Fotografie ist ein gleissendes, eines das blendet und überhaupt nicht erkennen läßt, was nach dem Tunnel kommt. Aus einer scharfen Dunkelheit fährt der Blick in eine diffuse Helligkeit.

Nun liegt es nahe, diese Sprach- und Bildmetaphorik auf unsere eigene Zeit, auf die von Corona mit all ihren Einschränkungen und düsteren Erfahrungen zu beziehen. Wir glauben, dass diese Düsternis hoffentlich bald überwunden werden wird, aber was danach kommt bleibt vorläufig noch im Dunkeln. Die Erfahrungen die in der Dunkelheit des Tunnels gemacht werden, werden unser Leben danach weiterhin bestimmen, sie werden es umfärben. Corona hat sich als Aufdeckerphänomen erwiesen: Wir können nun nicht mehr leugnen, dass die Ausbeutung ausländischer Arbeiter*innen ganz wesentlich zur Wahrung unseres Wohlstandes beiträgt, indem sie etwa unsere Altenversorgung sichern und dafür sorgen, dass wir Fleisch und Gemüse billig kaufen können. Ob dieses Bewusstsein die Lage dieser Arbeiter*innen verbessern wird, bleibt allerdings fraglich, aber Verdrängen ist nicht mehr so einfach. Offenkundig sind auch die fragwürdigen Umgangsformen der Politik mit Kunst und Kultur geworden. Die Zeiten, als Kulturpolitik noch als Gesellschaftspolitik verstanden wurde, sind offensichtlich vorbei, seit die Politik von einer Kulturalisierung der Gesellschaft zu einer Ökonomisierung der Kultur übergegangen ist.

Ob sich alles zum Besseren verändern wird, bleibt also fraglich. Denkbar ist leider auch das Gegenteil: das Erstarken autoritärer und demokratiefeindlicher Kräfte, die die Verunsicherung der Menschen für ihre Zwecke benutzen. Der Tunnel zwischen Gestern und Morgen ist nicht nur eine Unterbrechung und ein möglicher Link für gesellschaftliche Korrekturen und Aufbrüche, er ist auch eine Schleuse, in der prekäre Entwicklungen noch an Fahrt gewinnen können. „Es wird nichts mehr sein wie es war“ kann also Vieles und auch Konträres heißen, und wer von einer bloßen Rückkehr zur Normalität spricht, dem scheint entgangen zu sein, dass auch vorher Normalität eine Wunschvorstellung war.

Das eben Gesagte ist eine sehr zeitspezifische Interpretation der Arbeit von Frank und Fodor. Im Werk selbst wird Corona mit keinem Wort erwähnt und mit keinem Bild gezeigt. Wir sind gegenüber dieser Arbeit also Passagiere, die ihr eigenes geistiges Gepäck mit sich führen und es in diesem Tunnel abladen, wir benutzen im übertragenen Sinn einen Tunnel, eine Passage, die unseren Gedanken, unsere gegenwärtigen Erfahrungen als Projektionsraum dient.

Wir sind in mehrfachem Sinn immer Reisende, und der Ort an dem diese Arbeit zunächst präsentiert wird ist bezeichnenderweise ein Verkehrsknotenpunkt. Das Wiener U-Bahnsystem ist ein riesiger weitverzweigter Tunnel, der, wie man an den neuen Baustellen sehen kann, auch ständig wächst und durch Corona ein Ort erhöhter Sensibilität für unser Verhältnis zu uns selbst und den anderen gegenüber geworden ist. Im Verkehrs- und Tunnelnetz der Wiener Linien wird einem die Bedeutung von social distancing vielleicht noch eindrücklicher vor Augen geführt, weil dieses Verkehrsnetz eigentlich und zugleich der social connection dient. Wenn die Arbeit dann im Stadtraum auf den Infoscreens zirkuliert, ist sie eine, die selbst durch den öffentlichen Raum reist, und den dort mehr oder weniger hektisch reisenden Passanten vielleicht einen Augenblick des geistigen Innehaltens abringt.

Hätten wir nicht Corona, hätte diese Arbeit ebenso ihre Gültigkeit, weil sie universelle Dinge anspricht, die das Aktuelle auch übersteigen. Man könnte sich fragen, ob sie nicht auch davon handelt, dass jede Art von Erfahrung und Information unser Bewusstsein und Wissen verändert? Und ist es nicht so, dass sich unsere Identität, unser Bild von uns selbst und den Anderen ständig wandelt? Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, einst an Dinge geglaubt zu haben, über die er heute lächelt, und der gerade deshalb auch seiner neuen Selbstgewissheit mißtraut, weil auch die bald überholt sein könnte? Dass nichts sein wird wie es war, dieses Faktum ist unser ständiger Lebensbegleiter, ob wir uns das eingestehen oder nicht. Aber kaum eine Situation kann dieses Faktum so sehr ins Bewusstsein heben wie die aktuelle Krise. Dorothee Frank und Ben G. Fodor führen uns dies mit ihrer Arbeit eindrücklich vor Augen.

Rainer Fuchs, März 2021